In Jean-Pierre Danthines aktuellem SwissPowerShift-Interview zur Frage, ob Nachhaltigkeit in das Mandat der Schweizerischen Nationalbank integriert werden sollte, findet sich ein besonders treffender Satz:
« Si cela coûte cher et que le bénéfice est lointain et diffus, l'engagement disparaît. »
Sinngemäss:
Wenn es teuer ist und der Nutzen fern und diffus bleibt, verschwindet das Engagement.
Dieser Satz bringt eine der tiefsten Spannungen der Nachhaltigkeitstransformation auf den Punkt.
Denn in der Praxis folgt ein grosser Teil unserer modernen Wirtschaft noch immer einer vertrauten Logik:
Zuerst Geld verdienen.
Dann — wenn genug übrig bleibt — an die Natur denken.
So deutlich wird es selten ausgesprochen.
Tatsache ist: Strukturell funktioniert das System oft genau so.
Unternehmen werden gegründet, um Gewinn zu erzielen.
Menschen arbeiten, um Einkommen zu sichern.
Regierungen messen Erfolg an wirtschaftlicher Leistung.
Erst wenn diese Ziele erreicht sind — oder stabil erscheinen — fragen wir:
Die Natur erscheint dann als Kostenstelle.
Als Einschränkung.
Als nachträgliche Überlegung.
Und nicht, weil Menschen sich nicht kümmern.
Sondern weil das System es riskant macht, sich zuerst zu kümmern.
Das SwissPowerShift-Interview wirft zu Recht wichtige Fragen makroökonomischer Verantwortung auf:
Diese Fragen sind wichtig.
Sie bewegen sich jedoch weitgehend auf der institutionellen Ebene der Wirtschaft.
Die meisten Menschen erleben Wirtschaft aber ganz woanders:
Genau hier wird Danthines Beobachtung so wichtig.
Wenn Nachhaltigkeit vor allem erscheint als:
während der Nutzen fern, abstrakt und kollektiv bleibt, wird eine breite gesellschaftliche Ausrichtung extrem schwierig.
Nicht weil Menschen sich nicht kümmern.
Sondern weil die wirtschaftlichen Signale, denen sie täglich begegnen, weiterhin eine andere Logik verstärken.
Ein Mensch möchte vielleicht:
Doch finanzielle Einschränkungen sind real — und unmittelbar.
Miete ist real.
Gesundheitskosten sind real.
Energiekosten sind real.
Die Kosten für die Natur hingegen sind oft langfristig und nur teilweise in heutigen Marktsignalen enthalten — aufgeschoben statt direkt am Punkt der Transaktion spürbar.
Wenn Budgets knapp sind, wird Nachhaltigkeit bedingt:
Ich treffe die nachhaltige Wahl — wenn ich sie mir leisten kann.
Und erneut wird die Natur zu etwas, das wir nach finanzieller Sicherheit berücksichtigen.
Das System lehrt uns stillschweigend, dass Sorge für die Natur ein Luxusgut ist.
Die Folgen ökologischer Zerstörung sind jedoch kein Luxusproblem.
Sie betreffen Ernährungssysteme, Gesundheit, Wasser, Klimastabilität und langfristigen Wohlstand.
Der Widerspruch ist offensichtlich.
Die Anreize sind es nicht.
Ein grosser Teil der Umweltdebatte konzentriert sich auf Verhalten:
Warum ändern Konsumentinnen und Konsumenten sich nicht schneller?
Warum handeln Unternehmen nicht mutiger?
Warum regulieren Regierungen nicht entschlossener?
Unter diesen Fragen liegt jedoch ein tieferes Designproblem.
Unsere Wirtschaft belohnt finanzielle Entnahme zuerst.
Ökologische Verantwortung kommt danach.
Gewinn wird quartalsweise gemessen.
Die Natur regeneriert sich über Jahrzehnte.
Finanzielle Renditen sind verpflichtend.
Ökologische Verantwortung bleibt oft optional.
Unter solchen Bedingungen sind selbst gutwillige Akteure eingeschränkt.
Wir fordern Unternehmen und Menschen auf, die Natur in ein System einzupreisen, das nie dafür gebaut wurde, ihren Wert tatsächlich zu erkennen.
Das ist nicht nur schwierig.
Es ist strukturell widersprüchlich.
Wenn ein Unternehmen freiwillig höhere Kosten auf sich nimmt, um Ökosysteme zu schützen, riskiert es Marktanteile.
Wenn ein Land einseitig höhere Standards einführt, riskiert es Wettbewerbsnachteile.
Wenn eine Person mehr für nachhaltige Produkte bezahlt, trägt sie den Aufpreis selbst.
Verantwortung wird asymmetrisch.
Und asymmetrische Verantwortung skaliert nicht.
Das erklärt mit, weshalb Bewusstsein nicht automatisch zu systemischer Veränderung führt.
Das Problem ist nicht, dass Menschen die Krise nicht verstehen.
Das Problem ist, dass Verantwortung und wirtschaftlicher Nutzen falsch ausgerichtet sind.
Wir haben eine Wirtschaft geschaffen, in der der Schutz der Natur oft finanzielle Reibung erzeugt — statt finanzieller Verstärkung.
Im Zentrum dieser Debatte steht eine unbequeme Wahrheit:
Die Natur wird weiterhin durch ihre Unsichtbarkeit subventioniert.
Wir zahlen nicht die vollen Kosten der Bodendegradation.
Wir zahlen nicht die vollen Kosten des Biodiversitätsverlusts.
Wir zahlen nicht die vollen Kosten der CO₂-Anreicherung.
Wir zahlen nicht die vollen Kosten der Schwächung natürlicher Systeme, auf denen unsere Wirtschaft beruht.
Diese Kosten werden aufgeschoben.
Auf künftige Generationen.
Auf verletzliche Gemeinschaften.
Auf Ökosysteme, die keine Bilanzen haben.
In buchhalterischen Begriffen bleiben sie ausserhalb der Bilanz.
In ökologischen Begriffen häufen sie sich an.
Solange diese Kosten externalisiert bleiben, bleibt die Grundanweisung dieselbe:
Zuerst Geld verdienen.
Später an die Natur denken.
Die Debatte über die Rolle der Schweizerischen Nationalbank ist wichtig, weil sie fragt:
Wie sollen Institutionen Nachhaltigkeit berücksichtigen?
Doch eine ebenso wichtige Frage bleibt weitgehend offen:
Wie erleben gewöhnliche Menschen dieses Wertesystem wirtschaftlich im Alltag?
Heute erwarten wir oft, dass Menschen höhere Kosten tragen, Gewohnheiten ändern, Unannehmlichkeiten akzeptieren und zum Schutz gemeinsamer natürlicher Vermögenswerte beitragen — ohne sichtbar an dem Wert teilzuhaben, den sie mit schaffen.
Das ist ein Grund, warum die Transformation oft Mühe hat, von institutionellen Rahmenwerken zu breiter gesellschaftlicher Dynamik zu gelangen.
Die Herausforderung besteht nicht nur darin, Kapital im grossen Massstab umzulenken.
Sie besteht auch darin, positive Beiträge wirtschaftlich sichtbar und bedeutsam zu machen — genau dort, wo menschliches Verhalten tatsächlich stattfindet.
Das ist die zentrale Frage hinter der Theory of Change von My Drop in the Oceans:
Theory of Change — Wirtschaft und Natur im grossen Massstab ausrichten
Die zugrunde liegende Annahme ist einfach:
Wenn die Wirtschaft systematisch nur finanzielle Entnahme, kurzfristigen Konsum und transaktionale Effizienz anerkennt, werden selbst gut gemeinte Nachhaltigkeitspolitiken immer wieder gegen die tiefer liegenden Anreize des wirtschaftlichen Alltags ankämpfen.
Wenn jedoch positive Beiträge zur Natur und zur Gesellschaft innerhalb alltäglicher Transaktionen wirtschaftlich sichtbar werden, entstehen neue Formen der Ausrichtung.
Nicht durch Schuld.
Nicht durch dauerhaften Verzicht.
Sondern durch Teilhabe.
Was wäre, wenn wir die Reihenfolge umkehren?
Was wäre, wenn ökologischer Wert direkt in finanzielle Ströme eingebettet würde — statt als nachträgliche Überlegung behandelt zu werden?
Hier wird die Idee einer Bürgerdividende für die Natur relevant.
Statt die Last der Bepreisung von Natur allein Unternehmen oder einzelnen Konsumentinnen und Konsumenten aufzuerlegen, könnte der Wert, der durch den Schutz und die Regeneration von Naturkapital entsteht, als greifbarer wirtschaftlicher Nutzen geteilt werden.
In einem solchen Rahmen:
Statt zu fragen:
Können wir es uns leisten, die Natur zu schützen?
würden wir beginnen zu fragen:
Wie gestalten wir die Wirtschaft so, dass der Schutz der Natur Wert für alle schafft?
Die Verschiebung ist subtil, aber grundlegend.
Von Verzicht zu Ausrichtung.
Von freiwilliger Tugend zu systemischem Design.
Von nachträglicher Überlegung zu Grundlage.
Die Nachhaltigkeitstransformation braucht wahrscheinlich beides:
CO₂-Bepreisung, Regulierung, Stewardship, öffentliche Investitionen und Zentralbankdebatten wirken auf einer Ebene des Systems.
Eine andere Ebene bleibt jedoch weitgehend ungelöst:
Wie erleben Menschen den Wert ihres Beitrags zur langfristigen Resilienz der Systeme, von denen sie abhängen, konkret?
Solange diese Frage nicht direkter angegangen wird, läuft Nachhaltigkeit Gefahr, wirtschaftlich von der Alltagsrealität der meisten Bürgerinnen und Bürger entfernt zu bleiben.
Vielleicht ist genau das die tiefere Herausforderung, die sich nun in der Schweiz, in Europa und darüber hinaus zeigt.
Nicht ob Nachhaltigkeit wichtig ist.
Sondern ob unsere Wirtschaftssysteme fähig sind, diesen Wert dort sichtbar zu machen, wo menschliche Entscheidungen tatsächlich getroffen werden.
Wir fragen oft:
Warum kümmern sich Menschen nicht genug?
Vielleicht lautet die wichtigere Frage jedoch:
Warum macht das System Sorge für die Natur wirtschaftlich riskant?
Wenn der Schutz der Natur strukturell dem Gewinn nachgeordnet bleibt,
werden wir weiter zwischen Wachstum und Schuld pendeln.
Wenn wir Naturkapital jedoch in die Logik wirtschaftlicher Anerkennung einbetten — wenn wir Ökosysteme als grundlegende Vermögenswerte und nicht als externe Inputs verstehen — dann wird der Schutz der Natur rational, nicht aussergewöhnlich.
Die Herausforderung besteht nicht darin, Menschen davon zu überzeugen, dass Natur wichtig ist.
Die meisten wissen das längst.
Die Herausforderung besteht darin, die Reihenfolge neu zu gestalten.
Damit die Anweisung nicht länger lautet:
Zuerst Geld verdienen.
Dann vielleicht an die Natur denken.
Sondern:
Natur wertschätzen und schützen —
und die Wirtschaft diese Realität widerspiegeln lassen.
Das ist kein moralischer Appell.
Es ist ein struktureller Vorschlag.
Und Struktur ist der Ort, an dem dauerhafte Veränderung beginnt.
Systemischer Wandel beginnt nicht allein mit Erklärungen — er beginnt dort, wo alltägliche wirtschaftliche Entscheidungen getroffen werden. Die Bürgerdividende für die Natur ist ein praktischer Ausdruck dieser Richtung: Sie untersucht, wie ökologischer Wert innerhalb gewöhnlicher Transaktionen sichtbar werden kann. Teilhabe, Weiterentwicklung und gemeinsames Lernen sind Teil davon, Wertsignale zu gestalten, die die Realitäten widerspiegeln, auf denen jeder Wohlstand beruht.
Naturkapital
Die ökologischen Systeme — Klimastabilität, Biodiversität, Böden, Ozeane, Wasserkreisläufe — die jede wirtschaftliche Tätigkeit ermöglichen.
Wertsignale
Die Hinweise, die alltägliche Entscheidungen prägen — Preise, Anreize, Renditen, Regeln — und zeigen, was das System belohnt und was es als zweitrangig behandelt.
Wirtschaftliche Sichtbarkeit
Das Ausmass, in dem ein Beitrag im Wirtschaftssystem sichtbar und anerkannt wird — nicht nur moralisch, sondern auch in der Art, wie Nutzen und Kosten erfasst werden.
Weiterführende Lektüre:
Originalinterview:
SwissPowerShift — « Intégrer la durabilité au mandat de la BNS… l'idée n'est pas forcément mauvaise »
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